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Sabriye Tenberken, seit ihrem zweiten Lebensjahr ohne Augenlicht, setzt sich in Tibet für blinde Menschen ein und wurde dafür mit dem "Bambi" geehrt. mobil sprach mit ihr über das Projekt.

Ihre erste Reise nach Tibet endete im Krankenhaus. Lhasa, 1994: Das Flugzeug war sicher gelandet, der Pilot öffnete die Türen - und Sabriye Tenberken fiel in Ohnmacht. Die dünne Luft in fast 4000 Metern Höhe raubte ihr das Bewusstsein. "Von Tibet selbst bekamm ich damals kaum etwas mit", erinnert sich die heute 30-jährige Deutsche. Doch im Sommer 1997 flog die Tiberologie- Studentin erneut aufs Dach der Welt. Im Gepäck hatte sie die erste tiberische Blindenschrift - von ihr zuvor in Bonn entwickelt. Seit ihrem zweiten Lebensjahr ist Sabriye Tenberken ohne Augenlicht. Trotz dieser Behinderung ritt sie zusammen mit einer Tibeterin von Dorf zu Dorf. Machte Kinder ausfindig, denen es sehr viel schlechter ging als ihr. Kinder, die von den Eltern ans Bett gefesselt wurden, nur weil sie nicht sehen konnten.
Um ihnen ein neues Leben zu ermöglichen, gründete Sabriye Tenberken ein Jahr später in der Hauptstadt Lhasa eine Schule nur für Blinde. Immer wieder stand das Projekt wegen Geldmangels kurz vor der Schließung. Nur durch ihren hartnäckigen und selbstlosen Einsatz und dank der Hilfe ihres Freundes Paul Kronenberg überlebte das Zentrum. Sogar die chinesische Regierung, sonst äußerst kritisch gegenüber ausländischen Initiativen in Tibet, erkannte es mittlerweile offiziell an. Im Dezember erhielt die junge Deutsche den Wohltätigkeits-"Bambi". Über die Geschichte der Blindenschule schrieb Sabriye Tenberken das Buch "Mein Weg führt nach Tibet". Es soll demnächst international verfilmt werden.

Frau Tenberken, hätten Sie Lust, in dem Streifen eine Rolle zu übernehmen?
Momentan kann ich mir das nicht vorstellen. Ich fände es schwierig, mich selbst zu spielen. Allerdings hätte ich auch Probleme damit, wenn ein anderer mich darstellt.

Werden Sie am Drehbuch mitarbeiten?
Wenn ich dürfte, würde ich die kitschigsten Stellen rausstreichen.

In Ihren Beschreibungen Tibets scheint es, als würden Sie mehr sehen als mancher Sehende. Wie schaffen Sie das?
Ich konzentriere mich auf meine anderen vier Sinne. Außerdem kenne ich die Farben, die ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr noch sehen konnte. Farben sind sehr wichtig für mich. Und dann gibt es ja noch die Erzählungen der anderen.

Die anderen, das sind vor allem ihr Freund Paul, der nicht blind ist ...
Richig, Paul erklärt mir sehr viel. Aber auch die Tibeter beschreiben mir die Landschaft auf ihre eigene Art.

Wie würden Sie einem blinden Menschen das Dach der Welt beschreiben?
Kommt darauf an, ob der Mensch etwas mit Farben anfangen kann. Auf jeden Fall würde ich von der Geräuschkulisse Lhasas erzählen: den Lautsprechern an allen Straßenecken, den klingelnden Rikschafahrern, den schreienden Eseln und den betenden Mönchen. Außerhalb der Stadt ist Tibet von einer Stille geprägt, wie es sie bei uns fast gar nicht mehr gibt.

1997 sind Sie auf einem Pferd durch Tibet geritten. Warum haben Sie keinen Jeep genommen wie ander Touristen auch?
Im Auto kann ich kaum wahrnehmen, was um mich herum passiert. Der direkte Kontakt zum plätschernden Bach, zu den vielen Geräuschen und Gerüchen fehlt. Auf dem Pferd ist es ganz anders: Es trägt mich viel weiter in die Außenwelt.

Von Tibetern werden sie Kelsang Melto gerufen "Glücksblume". Wie kam es dazu?
Das hat keine besonders romatische Bedeutung. Kelsang Melto ist im tibetischen ein ganz normaler Name wie hierzulande etwa Gottfried. Der Namensgeber war meine tibetische Freundin, Dolma deren Tochter den Namen Sabriye nicht aussprechen konnte. Die hat mich immer "Hallo" genannt, das mochte Dolma nicht.

China erkennt Ihr Blindenprojekt jetzt offiziell an. Hat Sie das überrascht?
Zunächst ja, aber dann dachte ich: Warum eigentlich nicht? Wir tun ja nichst Böses, wir setzten uns für blinde Menschen ein und warum soll man uns dabei nicht unterstützen oder zumindest Achtung erteilen?

Einige Tibet-Anhänger werfen Ihnen vor, Sie seien zu unpolitisch.
Politik ist absolut nicht unsere Angelegenheit. Unser Anliegen ist ganz allein die Gleichberechtigung der Blinden in Tibet. Wir wollen, dass blinde Menschen dort akzeptiert werden wie anderswo auch.

Das Buch ist auch eine Abrechnung mit deutschen Behörden und Verbänden, von denen Sie sich im Stich gelassen fühlten ...
Was uns in Deutschland sehr zu schaffen gemacht hat, waren diese Vorurteile. Dass wir zwei junge Spontis seien, die sowieso keine Ahnung hätten. Dass das, was wir in Tibet tun, nicht professionell genung sei. Das hat mich sehr gestört - vor allem vor dem Hintergrund, dass sich von den Kritikern niemand wirklich ein Bild von unserer Arbeit gemacht hat.

Spätestens seit der Verleihung "Charity-Bambis" dürfte sich das geändert haben. Sie werden mit Lob geradezu überschüttet.
Natürlich freue ich mich über ehrlich gemeinte Anerkennung. Wenn sich aber Leute an meiner Person hochziehen und mit dem Klischee von der großherzigen Blinden Mitleid heischen wollen, dann nervt mich das. Ich bin kein Engel, ich habe meine Stacheln und die fahre ich auch aus.

Gab es Widerstand von tibetischer Seite?
Anfangs gab es Zurückhaltung und eine abwartende Haltung, aber beides ist Interesse und Neugier gewichen. Mittlerweile ist das Projekt voll akzeptiert bei der einheimischen Bevölkerung, die uns immer wieder besucht - zum Beispiel, um ein halbes Schwein oder einen Sack Reis vorbeizubringen.

Wie finanziert sich die Blindenschule?
Durch private Spenden vorwiegend aus Deutschland und Holland. Wir bekommen aber auch Geld von verschiedenen Botschaften in Peking: von den Niederlanden, Neuseeland, England und Australien.

Wann fahren Sei wieder nach Tibet?
Anfang März geht es wieder los. Wir möchten das Ausbildungszentrum für blinde Erwachsene ausbauen. Dort sollen Tibeter Medizinische Massage und Physitherapie lernen. Geplant ist auch eine Trainingsfarm, auf der spät erblindete Nomaden und Bauern wieder ihre alte Tätigkeiten ausüben können. Vieh- oder Pferdezucht zum Beispiel, aber auch Woll- und Käseproduktion. Vielleicht nehmen wir auch Tibeter mit nach Deutschland, um sie hier in der Rehabilitation auszubilden.

Wollen Sie für immer in Tibet bleiben?
Nein, höchstens noch drei bis vier Jahre, länger nicht. Dann möchten wir die Blindenschule in tibetische Hände übergeben.

Und danach?
Vielleicht bauen wir eine ähnliches Projekt woanders auf. Mongolei, Ladakh und Sikkim kämen zum Beispiel in Frage.

Ein Ratschlag für Tibet-Besucher
Westliche Touristen brauchen für die Autonome Region Tibet eine spezielle Aufenthalstgenehmigung. Das chinesische Visum reicht da nicht. Und nur wenige Gebiete dürfen überhaupt von Touristen betreten werden. Wer sich an diese Regeln nicht hält, bringt nicht nur Projekte wie unseres in Gefahr, sondern auch die Tibeter selbst.

Interview: Franz Höfer


Das Ausbildungszentrum in Lhasa wird in Deutschland durch den Förderkreis Blindenzentrum Tibet e. V. vertreten.
Tel. 02226/913403, E-Mail: blztib@t-online.de
Infos: www.blinden-zentrum-tibet.de 

Bezugsquellennachweis: Bericht von Franz Höfer, Zeitschrift mobil Ausgabe 2/2001 "mobil - die Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn"

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