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Augen und Seele

Augen und Seele

Unser Sehorgan sorgt für manche Seelennot. Denn wenn es einmal ernsthaft krank ist, werden wir schnell von psychischen Verstimmungen oder gar Depressionen geplagt. Das ist für jedermann nachvollziehbar. Umgekehrt setzt sich erst jetzt und nach langer Zeit wieder die Erkenntnis durch, daß eine malade oder gestreßte Seele durchaus für Krankheitssymtome an Augen und anderen Organen mitveranwortlich sein kann.

Körper, Seele und Geist gehören untrennbar zueinander, auch wenn dieses Wissen seit Descartes (1596 - 1650) über Bord geworfen wurde. So kümmern sich heute Ärzte praktisch nur noch um den menschlichen Körper, wie etwa eine Mechaniker um eine defekte Maschine. Unabhängig davon bemühen sich Seelsorger und Psychologen um die Seele und die Psyche des Menschen. Noch in der Antike gab es die Priesterärzte, welche die Ganzheit von Körper und Seele im Blick hatten und deren Ziel es war, die Menschen der Heilung zuzuführen. Erst jetzt, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, denkt man wieder verstärkt über die körperlich- seelischen Zusammenhänge nach, erkennt ihre Bedeutung für unser Gesund- bzw. Kranksein.

Dabei weiß fast jeder, daß Streß die Entstehung von Krankheiten begünstigen kann. Das geht von der banalen Grippe bis zum Magengeschwür oder Herzinfarkt. Und seien Sie mal ehrlich: Wer hatte nicht schon schlaflose Nächte oder Bauchweh vor einer wichtigen Prüfung?

 Das Gefühl für Gesundheit erwirbt man durch Krankheit.
(Georg Christoph Lichtenberg)

 
Was hat das aber mit unseren Augen zu tun? Kann der Streß auch das Sehorgan krank machen? Die Antwort lautet "ja". Schon aufgrund der engen anatomischen Verbindung zwischen Auge und Gehirn, denn Netzhaut und Sehnerv sind entwicklungsgeschichtliche Teile des Gehirns, die in das Auge vorgelagert sind. So ist es verständlich, daß Seheindrücke unmittelbar zu Gefühlsreaktionen führen (z.B. Weinen im Kino). Gefühle wie Aufregung oder gar Angst verändern wiederum die Augen (z.B. weite Pupillen etc.)

Die medizinische Forschung beschäftigt sich heute intensiv mit diesen Zusammenhängen. Zu nennen sind hier insbesondere die Fachdisziplinen der Psychoneuroimmunologie (PNI) und der Psychoneuroendokrinologie (PNE), Wortungeheuer, die zwei wissenschaftliche Forschungsgebiete bezeichnen, welche die Wechselbeziehungen zwischen seelischen und körperlichen Vorgängen im Menschen darstellen und beweisen wollen. Die Fragestellung lautet: Wie, warum, auf welchem Wege und in welchem Ausmaß macht eine gestörte Psyche den Körper krank und wie wiederum wirken sich körperlich gestörte Funktionen auf die Psyche aus? Wie kann schließlich der Geist den Körper stabilisieren oder heilen? Ist dies erlernbar?

Der Sitz der Seele ist da, wo sich manchmal Innen- und Außenwelt berühren. (Novalis)

Psyche und KörperOhne ins Detail gehen zu wollen: Festzuhalten ist, daß anhand verschiedenster Forschungsmethoden der naturwissenschaftliche Beweis erbracht wurde, daß der Geist den Körper beeinflußt. Gehirn, Immun- bzw. Hormonsystem und die Zielorgane des Körpers stehen in einem ständigen Dialog miteinander. Der Austausch findet in beide Richtungen statt (siehe Illustration! ). In etlichen Studien wurde die Verknüpfung zwischen Streß und Veränderungen des Immunsystems dargestellt.

Beispielsweise zählen Verlusterlebnisse wie der Tod eines Familienmitglieds oder die Trennung von einem nahestehenden Menschen zu den stärksten Stressoren überhaupt. Man hat nachgewiesen, daß Menschen, die Streß gut bewältigen, in derartigen Situationen mit einer erhöhten Aktivität der "Killerzellen" im Blut reagieren. Killerzellen bekämpfen im Körper u.a. Tumor- oder virusinfizierte Zellen. Bei Menschen mit einer schlechten Streßbewältigung kommt es hingegen zu einer Abschwächung der Killerzell- Aktivität. Dies kann schwere Erkrankungen und - als letzt Konsequenz den Tod zur Folge haben.

Streßbewältigungsstrategien sind erlernbar

Hilflos ausgeliefert ist man diesem Mechanismus allerdings nicht. So läßt sich z.B. der Wirkungsgrad der Killerzellen schon durch einfache Entspannungs- und Visualisierungsübungen erhöhen: Autogenes Training, Hypnose, Körpertherapien, Psychotherapien etc. sind hilfreich.
Unsere eigenen Forschungen an der Philipps-Universität Marburg haben übrigens belegt, daß ein krankhaft erhöhter Augeninnendruck (Glaukom), der unbehandelt in der Regel zur Zerstörung des Sehnerves und zur Erblindung führt, durch autogenes Training oder Hypnose gesenkt werden kann. Auch wurde schon in früheren Studien erste Hinweise auf die Beziehung zwischen Veränderungen im Ummunsystem und Augenkrankheiten dargestellt, so etwa die Verbindung zwischen schweren Nierenerkrankheiten und dem "Trockenen Auge", einer Störung des Tränenfilms. Eine weitere Untersuchung über die Korrelationen zwischen Diabetes und Auge ergab, daß fast alle Diabetiker Probleme mit dem "Trockenen Auge" haben.

So wie man nicht die Augen ohne den Kopf, den Kopf nicht ohne den Körper, so sollte man den Körper nicht ohne die Seele behandeln. (Sokrates)


Zudem kommt es bei Diabetikern potentiell über die Schädigung kleiner Blutgefäße zu krankhaften Anomalien des Augenhintergrundes, sprich der Netzhaut. Beeindruckend ist, wie die Blutzuckereinstellung solche Veränderungen beeinflußen kann. Je besser die Werte, desto weniger Komplikationen sind zu erwarten. Da ein großer psychischer Druck bei Diabetikern zu starken Blutzuckerschwankungen führen kann, wird deutlich, daß das Ausmaß der Veränderungen am Augenhintergrund bei Zuckerkranken auch von seelisch-emotionalen Faktoren abhängt.

Im Bezug auf die Schilddrüsenerkrankung Basedow (Glotzaugen-Krankheit) kamen wir zu einer ähnlichen Erkenntins: Der akute Ausbruch der Erkrankung ging immer mit einer sehr starken seelischen Belastung einher, im wesentlichen mit einem Verlusterlebnis. Das psychische Leid der meisten Patienten wird zusätzlich dadurch erschwert, daß sie aufgrund ihrer hervorstehenden Augen vom sozialen Umfeld Ablehnung erfahren. Außerdem konstatierten wir bei diesen Patienten häufig das Krankheitsbild des "Trockenen Auges".

Abgesehen von dem geschildterten schweren Krankheitsbildern können Streß oder seelische Not auch zu allen möglichen entzündlichen Erkrankungen des Auges führen, weil das Immunsystem abwehrschwach geworden ist. Selbst Funktionen wie die Sehschärfe, die Beweglichkeit des Augapfels, das Farbsehen oder die Gesichtsfeldwahrnehmung unterliegen direkten Schwankungen, die durch psychische Belastung erklärbar sind. Besonders empfindsam reagiert der Augeninnendruck bei Glaukom-Patienten und Kurzsichtigen auf jede Form von Streß.

Therapien können helfen

Wer ein WARUM zum Leben hat, erträgt beinahe jedes WIE
(Nietzsche)


Aus all diesen Sachverhalten wird eines deutlich: In die heutigen medikamentösen und operativen Behandlungsmethoden der Augenärzte werden zunehmend ganzheitliche Therapieverfahren einbezogen werden müssen - also solche, die auch das seelische bzw. psychische Befinden mit berücksichtigen. Das setzt jedoch eine intensivierte Forschung voraus, mit dem Ziel, die körperlich- seelischen Interaktionen besser kennen und verstehen zu lernen.

Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.
(M. Curie)


Es gibt inzwischen ausreichend Beweise dafür, daß bereits existente krankhafte Veränderungen des Körpers (z.B. eine Verengung der Herzkranzgefäße) durch Entspannungsmethoden rückgängig gemacht werden können und einen operativen Eingriff überflüssig machen. Es sei noch einmal erwähnt: Einfache Medidationsübungen können durchaus die Aktivität der Killerzellen im Blut erhöhen und damit den Verlauf einer Krebserkrankung manipulieren. Innere Überzeugung und Gefühle sind mitentscheidend für die Gesundheit oder den Krankheitsverlauf. Da aber jeder Mensch seine Einstellungen und Gefühle ändern kann, ist es auch möglich, mit geeigeneten Methoden von inne heraus einen Genesungsprozeß in Gang zu setzen.

Der Weg zu Heilung führt notwendigerweise über die Erkenntnis dieser Zusammenhänge. Jede Krankheit, auch jedes Augensymptom, enthält eine wichtige Botschaft. Sie will den Betroffenen auf einen tiefliegenden, ihm in der Regel unbewußten Konflikt aufmerksam machen. Patient und Arzt müssen gemeinsam versuchen, die verborgene Information, die in der Krankheit steckt, zu entschlüsseln. Manchmal reicht es schon, sich des seelischen Problems bewußt zu werden; so gelangt man auf den Weg zur Heilung, mag er auch noch so langwierig sein. Auf diesem Weg können begleitende Therapien, sowohl schulmedizinische (Injektionen, Tabletten, Operationen) als auch ganzheitsmedizinische Behandlungen, helfen und nütlich sein.

Das Gefühl für Gesundheit erwirbt man durch Krankheit
(Georg Christoph Lichtenberg)


Wesentlich ist dabei vor allem ein Aspekt, den unsere Gesellschaft gern verdrängt, die Rück-bindung (übersetzt aus dem Lateinischen Religio). Ohne diese Rückbindung an eine geistig-spirituelle sinnhafte Dimension, kann die Krankheit ihre Aufgabe, den Menschen auf den Weg der Heilung und des Heils zu führen, nicht erfüllen. Bei Augensymptomen z.B., gilt es hinzusehen, denn der kranke Sehsinn fordert zur Rückbesinnung auf. Das bedeutet: Kranksein ist nicht ohne Sinn. Es gehört zum Leben, ist ein Phänomen des Weges, wie das abschließende Zitat sagt: "Der Weg aus der Krankheit ist der Weg der Heilung, es ist das Licht, das nach der Finsternis kommt." (F. Weinreb) 

 

Quellennachweis: Prof. Dr. med. Ilse Strempel, Augenlicht 4. Quartal '98

 

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