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Atemberaubender Frühling

Für Sie gelesen:
in der Süddeutschen Zeitung Ausgabe vom 06.04.2001, ein Bericht von Christina Berndt

Atemberaubender Frühling

Millionen Allergiker fürchten die Pollenflugsaison

 
Frühlingsgefühle sind immer mehr Menschen eher unangenehm: Die Augen tränen, die Nase juckt und der Atem geht schwer. Für die Allergiker in Deutschland hat nun mit den wärmeren April-Temperaturen die Pollensaison begonnen. Zwischen neun und 18 Millionen Deutsche leiden unter dem Frühlingsbeginn - und jedes Jahr werden es mehr. Die Zahl der Allergiker unter den Kindern hat sich in den letzten zehn Jahren sogar verdoppelt. In den an sich harmlosen Pollen erkennt ihr Immunsystem einen Feind, gegen den es mit allen Mitteln vorzugehen versucht, und schädigt dabei das, was es eigentlich schützen soll: den eigenen Körper.

Heilen lassen sich die unangenehmen Symptome bislang zwar nicht - doch zumindest lindern. So lassen sich mit der alt bekannten Hyposensibilisierung etwa 80 Prozent der Patienten erfolgreich behandeln, wenn dies früh genug geschieht, sagt Michael Körner von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Dabei wird die Fremdenfeindlichkeit des Immunsystems überwunden, indem es immer wieder mit seinem vermeintlichen Gegner konfrontiert wird: so lange, bis es feststellt, dass die Pollen doch eigentlich harmlos sind.
Zudem wurden in den vergangenen Jahren gleich mehrere neue Ansätze entwickelt, um die zerstörerischen Aktionen des Immunsystems zu mildern. Die meisten von ihnen sollen die Signalstoffe abfangen, die die körpereigene Abwehr bei ihrem Kampf gegen die Windmühlenflügel der Natur einsetzt. So richten sich Substanzen gegen das von aktivierten Immunzellen ausgeschüttete Histamin. Andere Arzneien der Zukunft sollen die Botenstoffe Interleukin-4 oder -5 abfangen, und ein Mittel, das seit Jahren erprobt wird, richtet sich gegen eine bestimmte Sorte von Immunwaffen, die Antikörper des Typs IgE. Diese teuere Substanz hilft allerdings nur einem Teil der Betroffenen und wird zudem erst auf den Markt kommen, wenn die Pollen-Allergiker das Schlimmste schon wieder hinter sich haben: im Herbst 2001.

"Solche Ansätze sind vermutlich die Strategie der Zukunft", kommentiert Jürgen Rakoski vom Münchner Klinikum Rechts der Isar. "Allerdings nur, wenn unsere Theorie von der Entstehung der Allergien auch stimmt." Denn bislang sei weder geklärt, wie es zu einer Allergie komme, noch was genau dabei passiere. "Wir wissen, dass die Gene ebenso eine Rolle spielen wie bestimmte Umweltfaktoren", erläutert Rakoski. Auffällig sei, dass "sehr sauber großgezogene Einzelkinder" besonders oft an dieser Epidemie des 21. Jahrhunderts erkranken. "Auch die modernen antibakteriellen Putzmittel können dazu beitragen, dass das Immunsystem nicht mehr genug zu tun hat und deshalb solchen Quatsch macht."

Die Krankheit sei aber alles andere als eine Bagatelle, betont der Allergologe. So werde bei jedem Dritten aus dem ungefährlichen Heuschnupfen ein chronisches Asthma. "Im ersten Jahr kann man noch über den Heuschnupfen hinwegsehen, aber im zweiten Jahr sollte man ihn unbedingt behandeln", mahnt Rakoski. Und zwar nicht mit zweifelhaften Substanzen wie etwa dem pünktlich zu Beginn des Pollenflugs beworbenen "Pollenfänger-Gel", das vom Berliner Arznei-Telegramm als "Abzockerei" bezeichnet wird. "Kräftiges Ausschnäuzen" des in die Nase geschmierten Gels werde kaum von den auch durch den Mund eingeatmeten Pollen schützen. 

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