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Gewalt in der Familie

Gewalt in der Familie: Augenarzt ist oft die erste Anlaufstelle

Schläge, Tritte und andere Misshandlungen führen häufig zu Verletzungen der Augen. Symposium befasste sich mit der Rolle des Augenarztes als "Ersthelfer" nach einer familiären Gewalttat.

Nicht Chirurgen, Gynäkologen oder Neurologen, sondern Augenärzte sind oft die ersten Mediziner, die ein Opfer familiärer Gewalt in ihrer Praxis sehen. Diese Auffassung vertritt Dr. Barbara J. Arnold. Rund vier Millionen Gewalttaten gebe es in US-amerikanischen Familien in jedem Jahr, vermutet die Ärztin. Wie die Fälle überhaupt erkannt und den Betroffenen geholfen werden kann, darüber diskutierten Augenärzte während der AAO-Jahrestagung '99 im Rahmen eines Symposiums.

Warum Augenarztpraxen nach Misshandlungen häufig die ersten Anlaufstellen sind, ist einfach zu erklären: "Die Verletzungen der Augen sind in aller Regel schwer und machen Angst vor bleibender Erblindung." Prellungen, offene Wunden, selbst Knochenbrüche an anderen Körperstellen würden dagegen im wahrsten Sinn des Wortes oft vertuscht, meint Dr. Arnold. "Fast alle lädierten Köperzonen kann man mit Kleidung und Make-up kaschieren. Im Bereich der Augen geht das nicht."

Wie aber hat sich der Augenarzt Gewaltopfern gegenüber zu verhalten? "Das wichtigste ist, dass man diese zunächst erkennt und die Verletzung richtig deutet", sagt Dr. Barbara Arnold. Knochenbrüche in Augennähe sind in vielen Fällen das Ergebnis eines Faustschlags. Bei anderen Gesichtsverletzungen hat der Täter häufig einen Gegenstand - Flasche, Aschenbecher oder Besenstiel - benutzt beziehungsweise mit den Füßen zugetreten. Sehverluste, Risse am Augenlid und Zerreißungen der Tränengänge liefern oft den ersten Hinweis auf Folter und Misshandlung.
Besondere Sorgfalt hat der Dokumentation zu gelten. Im Gegensatz zur Polizeinotiz wird der Arztbericht meist über eine lange Zeit verwahrt. Wenn das Opfer später - manchmal auch erst nach Jahren - den Mut aufbringt und Anzeige erstattet, können die Aufzeichnungen des Arztes als Beweismaterial dienen. Jeder medizinische Aktenvermerk über bisherige Verletzungen kann wichtig sein.

Nach Möglichkeit sollte der Arzt den Patienten immer allein, in Abwesenheit des vermutlichen Peinigers untersuchen. Oft nämlich kommen Opfer und Täter gemeinsam in die Ambulanz oder Klinik. "Natürlich wagen es die Verletzten in dieser Situation kaum, den wirklichen Ablauf der Ereignisse zu erzählen", weiß Dr. Arnold aus Erfahrung. "Fast immer werden sie von Haushaltsunfällen, Stürzen oder Stößen an Möbelstücken berichten."
"Fragen Sie deshalb ganz direkt", rät die Augenärztin ihren Kollegen. "Fragen Sie, ob jemand aus der Familie oder dem engeren Bekanntenkreis für die Verletzung verantwortlich ist. Warten Sie eine Zeitlang ab." Die wenigsten Patienten äußern sich sofort. Sofern es aus medizinischen Gründen nicht ohnehin notwendig ist, sollten weitere Behandlungstermine vereinbart werden. Manche Opfer brauchen mehrere Anläufe, bevor sie von ihrem wirklichen Trauma erzählen. Der Arzt sollte immer einige Adressen von Frauenhäusern, Kinderschutz-Organisationen und ähnlichen Einrichtungen kennen, um diese an die Betroffenen weiterzugeben.

"Denken Sie aber auch daran, dass die Opfer familiärer Gewalttaten nicht immer nur Frauen und Kinder sind", mahnt Dr. Barbara Arnold. Etwa fünf bis zehn Prozent aller Misshandelten sind Schätzungen zufolge Männer, die von ihren Ehe- und Lebenspartnerinnen verprügelt wurden. Auch für Homosexuelle besteht diese Gefahr.

"Familäre Gewalt kennt keine sozialen Grenzen", erinnerte Dr. Bernice Z. Brown, Vorsitzender des Symposiums. Sogar Ärzte seien als Opfer oder Täter gelegentlich selbst betroffen. Suchen Misshandelte bei ihnen Hilfe, wird die Situation besonders schwierig. Diesen Kollegen kann Dr. Brown nur zu einer Therapie auf freiwilliger Basis raten.

Besondere Aufmerksamkeit und langfristige Betreuung brauchen die Kinder der betroffenen Familien. Auch wenn sie selber keinen körperlichen Schmerz erlitten haben, kann es zu durch die Lebensumstände zu einer Gewöhnung an gewalttätiges Verhalten kommen. Die Gefahr, dass die heutigen Opfer zu Tätern von Morgen werden, ist groß. "Jeder, der von körperlich ausgetragenen Konflikten in einer Familie etwas erfährt, ist verpflichtet, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen", verlangt Dr. Arnold. "Familiäre Gewalt ist ein so großes Gesundheitsproblem, dass es für einen Arzt nicht ausreicht, nur die Wunden heilen."

Hilfsangebote und weitere Informationen sind unter anderem zu finden bei:

Deutsche Gesellschaft gegen Kindesmißhandlung und
-vernachlässigung (DGgKV) (eingetragener gemeinnütziger Verein) Kontakt: Frau Viefers
Di -Do von 10 - 16:30 h
Andreaskloster 14
50667 Köln
Tel.: 0221-136427
Fax: 0221-1300010
e-mail: dggkv@t-online.de
Internet: www.dggkv.de

Bundesarbeitsgemeinschaft "Prävention & Prophylaxe"
Postfach 1614
96306 Kronach
Tel.: 09261-627923
Fax: 09261-627924
e-mail: kronach@praevention.org
Internet: www.praevention.org


Zentrale Informationsstelle für autonome Frauenhäuser
Tel/Fax: 0711/ 370 02 60
Di 9-12 Uhr
Fr 9-13 Uhr
e-mail: info@zif-frauen.de
Internet: www.zif-frauen.de


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