Chirurgische Korrektur des Frühkindlichen Strabismus
Je früher, desto besser: Chirurgische Korrektur des Frühkindlichen Strabismus
Die Zusammenhänge zwischen Schielen und Gehirnfunktion werden immer deutlicher. Eine früher Eingriff an den Augenmuskeln kann Fehlverbindungen im cerebralen Cortex "heilen", meint Dr. Lawrence Tychsen.
Wenn kleine Kinder schielen, so liegt es meistens am Gehirn. Doch daran hat bei der chirurgischen Korrektur der Augenstellung bislang wohl kaum jemand gedacht. "Beim kindlichen Strabismus war das Gehirn für die pädiatrischen Ophthalmologen immer eine >Black Box<. Ich habe begonnen im Umkreis dieser Box herum zu stochern", sagt Dr. Lawrence Tychsen von der Washington University School of Medicine (St. Louis, Mo). Fast 20 Jahre lang hat sich der Ophthalmologe, Kinderarzt und Neurowissenschaftler mit dem Zusammenhang zwischen Hirnstruktur, Gehirnfunktion und Schielen befasst. Bei der AAO-Jahrestagung 1999 hielt er nun im Rahmen eines Symposiums über Frühkindlichen Strabismus die erste "Marshall M. Parks Vorlesung".
"Können Opthalmologen das Gehirn reparieren?" fragte der Mediziner, der auch die augenärztliche Abteilung des Kinderkrankenhauses von St. Louis leitet, am Anfang seines Referats. "Ja" lautet die generelle Antwort. "Mikrochirurgische Operationen an den Augenmuskeln verändern die Prozesse im Gehirn", behauptet Dr. Tychsen. Zehn Jahre experimenteller Arbeit an jungen und erwachsenen Rhesus-Affen stecken hinter dieser Aussage.
Mit neurochirurgischen Verfahren und Injektionen von Tracer-Substanzen in Gehirne einwärts schielender Affen hat der Wissenschaftler gezeigt, dass es im visuellen System der Tiere ähnliche Störungen gibt, wie bei schielenden Kinder. "Wir konnten beweisen, dass Fehlfunktionen der Augenmuskulatur mit der Gehirnfunktion zusammenhängen."
Dr. George R. Beauchamp, Professor für Klinische Ophthalmologie an der University of Texas in Dallas, würdigte Dr. Tychsens Ergebnisse in einer kurzen Laudatio als "grundlegend": "Wir verstehen nun wesentlich genauer, wie sich die Koordination der Augenbewegung individuell entwickelt."
Während sich Tychsen mit seinen Experimenten auf die Abläufe im Gehirn konzentrierte, lieferten andere Forscher epidemiologische und neuro-psychologische Daten schielender Kinder. Diese lassen vermuten, dass der kindliche Strabismus meist die Folge einer Störung im Zentralnervensystem ist, die sich vor allem im cerebralen Cortex innerhalb der ersten sechs Lebensmonate manifestiert. Es fiel auf, dass sich die Krankheit in drei Gruppen häuft: bei Frühgeborenen mit Verletzungen des cerebralelen Cortex, bei Kindern mit einer verzögerten Entwicklung und anderen neurologischen Problemen sowie in genetisch prädisponierten Familien. Fehlerhafte Verknüpfungen zwischen einzelnen Zentren der Hirnrinde gelten inzwischen als Hauptursache des Frühen Kindlichen Strabismus.
In allgemein gültige Behandlungskonzepte umgesetzt wurde dieses Wissen bislang aber nicht. Dr. Tychsen und andere Experten der kinderärztlichen Ophthalmologie glauben jedoch fest, dass frühe Interventionen - möglichst in den ersten sechs bis neun Monaten nach der Geburt - die "Fehlschaltungen" im cerebralen Cortex weitgehend korrigieren können.
Dass eine früh- und damit noch rechtzeitige Operation trotzdem unterbleibt, kann mehrere Gründe haben: So wird nicht jeder Strabismus in den ersten Lebenswochen direkt deutlich. Darüber hinaus halten viele Ärzte eine späte Operation - etwa anderthalb Jahre nach der Geburt - für ungefährlicher. In der Vergangenheit habe es für diesen Aufschub gewiss gute Argumente gegeben, räumt Dr. Tychsen ein. Aber Fortschritte in der Gerätetechnik und bei den chirurgischen Verfahren sowie die verbesserte Säuglingsanästhesie hätten auch schwierige Operationen an Babys leichter und sicherer gemacht. Wenn sonst nichts dagegen spricht, rät der Strabismus-Experte daher immer zur möglichst frühen Operation: "Bei Säuglingen ist der cerebrale Cortex noch plastisch und anpassungsfähig. Je eher der Eingriff erfolgt, desto leichter lässt sich eine normale Hirnfunktion erreichen." Abwarten dagegen verschlimmere die Probleme, da schielende Augen bis zu 50 Prozent der am Sehen beteiligten Neurone und deren Verbindungen funktionell lahmlegen können.
Obwohl die Arbeiten Dr. Tychsens und seiner Kollegen von der wissenschaftlichen Seite her überzeugen, gibt es dennoch viele Augenfachleute, die an einer vollständigen Heilung des Schielens zweifeln. "Die Verfechter der >späten< Operation gehen von prinzipiell unheilbaren Defekten aus, die erst einmal genau abzuklären sind", gibt Dr. Tychsen die Position der Kritiker wider. Doch selbst bei angeborenen und strukturellen Störungen des Gehirns, könne man ein Ergebnis erreichen, dass dem Normalzustand relativ nahe komme, meint er. "Und das um so mehr, je eher wir operieren."

